Brasilien und Peru
Von Eliane Fernandes
Die Ashàninka sind eines der Indigenen Völker im Amazonas. Sie leben in der Region des oberen Juruá und am rechten Ufer des Envira-Flusses in Brasilien sowie bis in die Hänge des Andengebirges in Peru. Die Zahl der Asháninka wird auf 100.000 geschätzt. Etwa 3.000 leben im Bundesstaat Acre in Brasilien.
Als Ethnologin und Menschenrechtsaktivistin der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) arbeite ich seit fast drei Jahrzehnten mit den Ashánika zusammen. Sie leisten einen einzigartigen und beispielhaften Beitrag zu Erhalt unserer Umwelt. Die Asháninka-Gemeinschaft Apiwtxa am Fluss Amônia in Brasilien, deren Land bereits 1992 anerkannt wurde, gestaltet ganz aktiv ihre und die Zukunft ihrer Kinder. Sie setzt sich gegen die illegalen Holzfirmen und die Drogenmafia und für eine umweltfreundliche wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Grenzregion zwischen Brasilien und Peru ein. Die Apiwtxa-Gemeinschaft ist Vorreiterin im Umweltschutz und im Engagement für die Stärkung indigener Gemeinschaften der Region. Denn auch in vielen anderen Gemeinden der Grenzregion verstärken illegale Abholzung, Goldabbau und der illegale Bau von Landstraßen die Umweltprobleme. Wer so eng mit der Natur zusammenlebt, spürt ganz genau, wenn sich etwas verändert und ist davon auch unmittelbar betroffen. Die Asháninka jagen, fischen und bauen Gemüse und Früchte für den Eigenbedarf an. Daher sind sie auf eine intakte Umwelt und saubere Flüsse angewiesen.
Steigende Gefahr
In den vergangenen Wochen und Monaten hat sich die Lage der Asháninka im Grenzgebiet zwischen Peru und Brasilien zugespitzt. Schon seit Jahrzehnten dringen illegale Holzfäller, Goldsucher und Drogenbanden in indigene Gebiete vor. Dabei rücken sie immer näher an indigene Dörfer heran. Eine illegal angelegte Straße auf peruanischer Seite reicht bereits bis auf rund zehn Kilometer an die Asháninka-Gemeinschaft Apiwtxa im brasilianische Bundesstaat Acre heran. Immer häufiger kommt es daher zu Begegnungen zwischen den kriminellen Banden und indigenen Gemeinschaften. Die Lage ist angespannt und die Gefahr von gewaltsamen Angriffen auf Indigene steigt.
Wie ernst die Situation ist, zeigt ein aktueller Vorfall. Am 6. Juli drangen mindestens fünf mit Sturmgewehren bewaffnete Männer in das Dorf Apiwtxa ein. Sie verbreiteten Angst unter den Familien und suchten gezielt nach den führenden Vertretern der Gemeinschaft. Dazu zählen auch die engen Partner unserer Organisation Benki Piyãko sowie seine Brüder Moisés, Francisco und Wewito Piyãko.
Sie hatten am 6. Juli noch einmal Glück. Als einer der Bewaffneten das Haus von Moises aufsuchte, war er gerade gemeinsam mit seinem Schwager zum Fischen gegangen. Es war bereits dunkel und sein Sohn saß draußen auf der Veranda des gegenüberliegenden Hauses. Von dort konnte er beobachten, wie der Mann mit seiner Waffe auf die Hängematte zielte, in der Moises üblicherweise zu dieser Zeit schläft. Sein Sohn versteckte sich im Haus. Aufgeschreckt von den Geräuschen, ergriff der Angreifer die Flucht. Glücklicherweise passierte nichts Schlimmeres, doch die Angst vor Angriffen und einer Eskalation ist allgegenwärtig. Schon 2014 wurden der enge GfbV-Partner und Asháninka-Anführer Edwin Chota sowie drei Mitglieder seiner Gemeinschaft in derselben Grenzregion ermordet.
Schutzmaßnahmen greifen nicht
Für die Asháninka ist klar: Die bewaffneten Männer wussten genau, wen sie suchten und wo sich diese Personen normalerweise aufhalten. Nach Angaben der Betroffenen gehen die Drohungen von kriminellen Gruppen aus, die der Holzmafia und dem Drogenhandel zugerechnet werden. Ihr Einsatz gegen ebendiese illegalen Aktivitäten macht die Gemeinschaft zur Zielscheibe. Seit Ende Juni werden indigene Anführer in der Grenzregion verstärkt bedroht. Die Eindringlinge, die am 6. Juli in der Asháninka-Gemeinschaft von Apiwtxa waren, sind weiterhin auf freiem Fuß. Sie wurden nach Angaben der brasilianischen Sicherheitsbehörden zwar identifiziert, konnten aber über die Grenze nach Peru fliehen.
Auch auf peruanischer Seite werden indigene Anführer aus den Asháninka-Gemeinschaften Sawawo und Dulce Gloria seit Monaten bedroht. Bewaffnete schossen wiederholt in die Luft und attackierten Mitglieder von Kontrollkomitees, die sich dem illegalen Holzeinschlag entgegenstellen. Auch die Asháninka-Anführerin María Elena Paredes aus Sawawo bekommt Morddrohungen. Die Gemeinschaften zeigen unbefugtes Eindringen, illegale Ressourcennutzung und Drohungen immer wieder bei den peruanischen Behörden an. Wirksame Schutzmaßnahmen ergreifen diese jedoch bis heute nicht.
Seit 2004 begleitet die GfbV die Asháninka, zunächst in Brasilien und dann auch in Peru. Wir unterstützen sie bei ihrer politischen Arbeit und machen gemeinsam auf die Bedrohung der Gemeinschaften und ihrer Lebensgrundlagen aufmerksam. Seit mehreren Wochen bin ich selbst vor Ort und begleite die aktuellen Entwicklungen. Diese Zusammenarbeit ist heute wichtiger denn je. Gemeinsam fordern wir die brasilianische und die peruanische Regierung auf, die grenzüberschreitenden kriminellen Netzwerke zu bekämpfen und für den Schutz der bedrohten Asháninka-Vertreter zu sorgen. Auch meine Anwesenheit bietet den Gemeinschaften Schutz. Darüber hinaus informiere ich meine Kolleginnen und Kollegen in Deutschland, die deutsche Botschaft in Brasilien, ich organisiere gemeinsame Projekte mit anderen Partnerorganisationen und Treffen mit brasilianischen Regierungsvertretern, damit auch sie von der Situation im Amazonas erfahren.
Eliane Fernandes Eliane Fernandes ist Ethnologin und Menschenrechtsaktivistin der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).
Bildinformation: Die Asháninka-Brüder (v. l. n. r) Teyãko Wewito, Francisco,
Benki und Moisés mit der indigenen Vertreterin Alessandra Korap vom Volk der
Munduruku vor dem Gebäude des brasilianischen Ministeriums für Indigene Völker
(23.07.2026). Alle reisten in die brasilianischen Hauptstadt Brasília, um sich
für ihre Rechte einzusetzen. Alle erhielten Morddrohungen wegen ihres Einsatzes für die Rechte ihrer Völker. Unsere Referentin Eliane Fernandes hat sie
begleitet. Copyright: Eliane Fernandes